Shadowing – eine Lerntechnik für fortgeschrittene Sprachlerner

Shadowing habe ich dir in meinem Blog schon vor längerer Zeit einmal vorgestellt, allerdings in einer absoluten Kurzfassung. Heute gibt es eine genauere und längere Erklärung, ebenso fünf Möglichkeiten der Durchführung – da ist sogar schon für (Fast-)Anfänger etwas dabei.

Was aber ist Shadowing?

Shadowing leitet sich vom englischen Wort „shadow“ ab, welches „Schatten“ bedeutet. Genau das machst du also mit einem Text: Du folgst ihm mehr oder weniger zeitnah und beschattest ihn sozusagen wie ein Privatdetektiv seinen Klienten.

Ursprünglich kommt diese Technik aus der Dolmetscherausbildung. Durch das Shadowing werden genau die Kompetenzen trainiert, die in diesem Beruf gefragt sind, nämlich das Verstehen und das Sprechen.

Die Technik trainiert also optimal das Zuhören und das (fast) gleichzeitige Sprechen. Auch wenn das am Anfang schwierig ist, wirst du schnell feststellen, dass du mit ein bisschen Übung Fortschritte machen wirst und dass diese Fortschritte beträchtliche Ausmaße annehmen können. Natürlich ist dabei immer vorausgesetzt, du übst regelmäßig. Einmal ausprobieren und dann wieder aufhören hilft nicht weiter: Um Erfolg zu haben musst du regelmäßig üben.

 

Wann ist Shadowing geeignet für dich?

Du solltest Shadowing ausprobieren, wenn du das konventionelle Lernen ab und zu etwas langweilig findest. Vielleicht vermisst du das Gefühl, Fortschritte zu machen. Auch kannst du nicht so richtig einordnen, wo du genau stehst – vor diesem Problem stehen fortgeschrittene Lerner ja oft: Sie hören Texte an, sie lesen Texte, sie schreiben, sie sprechen – aber das Gefühl, das Anfänger haben, fehlt häufig. Anfänger wissen ziemlich genau, wo sie stehen. Sie wissen, dass sie 200 oder 400 Wörter gelernt haben. Auch können sie genau die Grammatikstrukturen benennen, die sie beherrschen. Bei Fortgeschrittenen kommen allerdings andauernd andere Vokabelthemen und auch die Grammatikthemen sind wild durcheinandergeworfen. Da tut eine Abwechslung und eine objektive Überprüfung ab und zu ganz gut beim Lernen.

Shadowing bringt dir diese Abwechslung und die objektive Überprüfung. Durch die 5 verschiedenen Schwierigkeitsgrade kannst du einsteigen, wo du möchtest. Wähle das Niveau, das du dir zutraust – nach oben oder unten abändern kannst du jederzeit.

 

Welche fünf Möglichkeiten gibt es beim Shadowing?

Grundsätzlich einmal fängst du mit Möglichkeit 1 an und gehst zu Möglichkeit 2 über, wenn dir die erste Variante zu einfach ist. Wenn Möglichkeit 2 immer noch zu einfach ist, dann probierst du Möglichkeit 3 aus. So geht es weiter bis Möglichkeit 5 – der absoluten Meisterklasse. Aber keine Panik: Wenn du dich bei Möglichkeit 1 oder 2 wohlfühlst, dann bleibe dabei, du musst niemandem etwas beweisen!!!

 

Möglichkeit 1: Höre dir einen Text deiner Wahl ein paar Mal an. Anschließend hörst du dir immer einen Satz des Textes an, drückst auf Pause und sprichst den Satz nach. Natürlich darfst du den Satz auf der geschriebenen Version des Textes mitlesen! Nach dem ersten Satz spielst du den zweiten Satz deines Textes ab, drückst auf Pause, sprichst nach. So geht es weiter bis zum Ende deines Textes.

Wähle diese Möglichkeit, wenn du in die Shadowing-Technik erst einsteigst. Schließlich solltest du dich erst einmal daran gewöhnen, wie das Ganze funktioniert, außerdem solltest du erst einmal dein Niveau feststellen. Auch wenn du einen sehr anspruchsvollen und schwierigen Text bearbeiten möchtest, dann wähle in jedem Fall erst einmal diese 1. Möglichkeit. Steigern kannst du später immer noch.

Möglichkeit 2: Du kommst mit der 1. Möglichkeit schon gut zurecht? Dann bist du bereit für die 2. Möglichkeit – diese ist ein bisschen schwieriger. Du hörst dir einen Satz an, drückst ebenfalls auf Pause und sprichst, genau wie in Variante 1, den Satz nach. Allerdings mit der kleinen Schwierigkeit, dass du den Text nicht mehr mitliest. Du wirst feststellen, dass das zu Anfang nicht so einfach ist und dass du unbedingt einfache Texte mit verhältnismäßig kurzen Sätzen aussuchen solltest. Auch hier gilt: Fange lieber zu leicht als zu schwierig an. Steigern kannst du jederzeit.

Möglichkeit 3: Bist du bereit für die 3. Möglichkeit? Hier hörst du den Text an und liest ihn mit. Allerdings drückst du nicht ständig auf Pause, sondern sprichst den Text zeitversetzt mit. Du kennst diese Vorgehensweise bestimmt aus dem Fernsehen – es hört sich in etwa so an wie ein Simultandolmetscher. Aber: Diese Technik ist schon sehr anspruchsvoll! Daher solltest du sie erst anwenden, wenn du mit den ersten beiden Möglichkeiten ausreichend geübt hast.

Möglichkeit 4: Diese 4. Möglichkeit ist noch anspruchsvoller als die 3. Es versteht sich von selbst, dass du diese erst nach dem Durchlaufen der anderen 3 Varianten ausprobieren solltest. Sie funktioniert folgendermaßen: Du hörst, wie bei der 3. Möglichkeit, den Text an und liest ihn mit. Allerdings erfolgt das Mitsprechen nur mit minimaler Zeitverzögerung. Hier ist höchste Konzentration gefordert!

Möglichkeit 5: Die Meisterklasse des Shadowing! Die Grundvoraussetzung ist hier, dass du den Text schon sehr gut kennst, denn du hörst dir den Text nur noch an und sprichst ihn mit. Das wird also nur bei dir sehr bekannten Texten funktionieren, denn sonst verlierst du schnell den Faden. Du solltest also sehr bekannte Texte auswählen, diese am besten schon fast auswendig kennen und darauf achten, dass sie nicht zu lang sind.

 

Bei welcher Möglichkeit solltest du bleiben?

Richte dich unbedingt nach deinen Fähigkeiten, nach dem Text und nach deiner Tagesform! Es kann durchaus sein, dass du an einem Tag Möglichkeit 1 als ausreichend einstufst und am nächsten Tag bei einem anderen Text zu Möglichkeit 3 wechselst. Du wirst feststellen, dass du mit wachsender Erfahrung immer besser wissen und einschätzen können wirst, welche Möglichkeit gerade am besten geeignet ist.

 

Du hast den Faden verloren beim Shadowing?

Kein Problem! Stoppe deinen Hörtext, suche die entsprechende Textstelle in deiner geschriebenen Textversion und starte mit dem nächsten Absatz. Alternativ kannst du, besonders bei kurzen Texten, einfach noch einmal von vorne anfangen. Das Wichtigste ist, sich nicht unter Druck zu setzen – hier ist wirklich die Übung sehr wichtig. Du wirst sehen, je mehr du übst, ausprobierst und sprichst, desto besser klappt es.

 

Worauf solltest du beim Shadowing achten?

Text: Der Lesetext sollte sich grundsätzlich etwas unter deinem aktuellen Sprachniveau befinden. Bei dieser Technik geht es nicht darum, neue Texte zu verstehen oder Vokabeln und Grammatikstrukturen zu lernen, sondern darum, die Sprechfähigkeit zu trainieren und die Kombination Hören und Sprechen auszubilden. Das funktioniert nur bei bekannten Texten. Wenn die Textinhalte unbekannt sind, wirst du zu leicht abgelenkt. Achte also darauf, die Texte gut zu kennen.

Hörfassung: Du benötigst zum Shadowing eine Hörversion deines vorliegenden Lesetextes. Glücklicherweise ist das heutzutage kein großes Problem mehr: Den meisten Lehrbüchern liegen CDs bei oder die Audiodateien können auf den entsprechenden Internetseiten der Verlage heruntergeladen werden. Viele fremdsprachige Podcasts liegen auch als Blogartikel-Variante vor. Auch die Kombination Buch und Hörbuch ist möglich. Tageszeitungen bieten ebenfalls die Möglichkeit, sich auf der Internetseite den entsprechenden Artikel vorlesen zu lassen.

Geschwindigkeit: Wichtig ist, dass bei solchen Lösungen die Sprechgeschwindigkeit akzeptabel ist. Im Zweifelsfalle gilt immer: Lieber zu langsam als zu schnell. Die Sprechgeschwindigkeit von Podcasts lässt sich übrigens mit der Anleitung in diesem Blogartikel anpassen. Das ist eine gute Möglichkeit für alle, denen die normale Sprechgeschwindigkeit noch zu schnell ist.

Verwendete Sprache: Achte darauf, dass die Sprecher zumindest ansatzweise die Standardsprache verwenden. Dialekte des piemontesischen Hinterlandes, der Provence oder der Bretagne oder des schottischen Hochlandes sind nur bedingt geeignet. Ich persönlich würde auch, da ich in Europa wohne und eher mit Franzosen oder Schweizern und weniger mit Kanadiern in Kontakt komme, das europäische Französisch bevorzugen und nicht unbedingt die Variante aus Québec wählen.

Kopfhörer: Benutze unbedingt einen Kopfhörer, am besten einen Ohrstecker. Hier gilt: Probiere aus und bleibe bei der Möglichkeit, die dir am besten passt. Der Kopfhörer blendet die Außengeräusche aus, was konzentrationsfördernd ist. Allerdings ist bei kompletter Abschottung manchmal ein unangenehmer Nebeneffekt zu spüren: Man hört selbst seine eigene Stimme zu laut. Ich selbst nutze einen Sennheiser-In-Ear-Ohrstecker, für mich persönlich ist dieser perfekt (und ich habe lange danach gesucht!).

 

Was sind denn nun die Vorteile von Shadowing?

Aussprache: Deine Aussprache wird sich signifikant verbessern. Du ahmst ja hauptsächlich Muttersprachler nach, daher verlierst du im Laufe der Zeit den Akzent.

Sprechgeschwindigkeit: Ebenso verbessert sich deine Sprechgeschwindigkeit. Du trainierst ja bewusst, so schnell zu sprechen wie ein Muttersprachler auch. Und sobald es als „Trockenübung“ funktioniert, klappt es bald auch im wirklichen Leben, denn das ist nur noch ein kleiner Schritt!

Textdetails: Dir werden Textdetails auffallen, die du normalerweise beim flüchtigen Lesen einfach überliest. Dadurch wird nicht nur dein passiver Wortschatz immer größer, sondern auch die Menge der Vokabeln, die du aktiv beherrschst.

Hörverstehen: Dein Hörverstehen verbessert sich ebenfalls signifikant, denn du umgibst dich ja bewusst mit der Fremdsprache. Durch das andauernde Hören verstehst du gesprochene Sprache immer besser. Zudem beschäftigst du dich auch noch aktiv mit der Sprache, dadurch beschleunigt sich dieser Prozess noch.

Spontaneität beim Sprechen: Du wirst im Laufe der Zeit in der Lage sein, in Gesprächen immer spontaner zu reagieren. Durch das ständige Nach- oder Mitsprechen verwendest du ja immer wieder Redewendungen und Strukturen, die du dann in Gesprächen wesentlich schneller parat hast. Warum das so ist? Normalerweise neigen Lerner dazu, Redewendungen im Kopf von der Muttersprache aus zu übersetzen – dank der Shadowing-Technik fällt dieser „Umweg“ weg. So kannst du viel spontaner agieren und reagieren.

Prüfungen: Bereitest du dich auf eine Prüfung vor? Dann probiere diese Technik unbedingt einmal aus! Durch die hohen Anforderungen an die Bereiche des Sprechens, Hörens und Lesens bist du optimal auf diese Bereiche vorbereitet und wirst großartige Ergebnisse erzielen!

 

Ab welchem Sprachniveau ist diese Technik geeignet?

Für komplette Anfänger würde ich die Technik nicht empfehlen, es sei denn, du findest wirklich extrem langsam gesprochene Texte in deinem Lehrbuch oder aus anderen Quellen. Sobald du aber schon einige Wochen gelernt hast, ist es an der Zeit, das Shadowing in dein Lernen einzubauen! Am besten schreibst du es gleich in deinen Lernplan!

Was du jetzt tun solltest

Zu Beginn kannst du einige Texte in deiner Muttersprache nutzen, um ein Gefühl für die Technik zu bekommen. Probiere also ein paar Mal die fünf Möglichkeiten mit Texten in deiner Muttersprache durch. Wenn du die Technik an sich beherrschst, dann probierst du deinen ersten Text in deiner Lernsprache aus. Dieser sollte ganz einfach sein – hier gilt ganz besonders: Überfordere dich nicht!

Wenn du dann einen fremdsprachigen Text probierst, fange bei Möglichkeit 1 an und probiere die 5 Möglichkeiten durch. Bleibe bei der, die du gerade noch ohne Probleme meistern kannst.

Du wirst merken, dass du bei deinen nächsten Italien-, Frankreich- oder USA-Reisen oder den nächsten Unterhaltungen in Spanisch oder Schwedisch viel spontaner reagieren kannst und dich sicherer fühlst.

 

Lust auf weitere Lerntipps? Dann empfehle ich dir mein Buch Sprachen lernen – Tolle Tipps und Tricks!

2 Kommentare

  1. Ricardo Seifert

    14/12/2016 at 19:03

    Danke für dir Tipps. Heutzutage versuche ich deutsch zu lernen und jederzeit, du eine Artikel veröffentlichst, freue mich sehr.

    Heute sobald ich zuhause bin probiere ich diese Technik.

    Liebe grüße aus Brasilien.

    • Christine

      14/12/2016 at 21:34

      Hallo Ricardo,
      obrigado por o teu comentário e … vielen Dank für das Kompliment – und weiterhin viel Spaß beim Lesen und beim Lernen!

      Viele Grüße
      Christine

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