Verändert Sprache die Persönlichkeit?

Verändert Sprache die Persönlichkeit_Diese Woche hat Julia von Italienundich.com einen Gastartikel für mich geschrieben – und ich für sie (mein Thema auf Julias Blog ist der Chianti und die Legende des Gallo Nero auf den Chiantiflaschen, die Veröffentlichung ist für spätestens Ende April geplant). Sie beleuchtet bei mir die spannende Frage, ob Sprache die Persönlichkeit verändert. Vielen Dank an Julia für diesen tollen Beitrag – ich hoffe, dir als Leser gefällt er genauso gut wie mir!

Vorhang auf für Julia und die Frage: Verändert Sprache die Persönlichkeit?

“Mit jeder neu gelernten Sprache erwirbst du eine neue Seele,” besagt ein tschechisches Sprichwort. Und jeder, der mehr als eine Sprache oder Sprachvariation sprechen kann, mag sich darin vielleicht wiederfinden. Wenn man dieser Redewendung Glauben schenken kann, dann sind vielleicht die Augen das Tor zur Seele, aber Codeswitching der Schlüssel, der dieses Tor öffnet. Viele Multilinguals berichten davon, dass sie zu “einer anderen Person” würden, sobald Sie die Sprache wechselten. Und auch beim Übersetzen kann man nur dann eine gelungene Wiedergabe des Originaltextes reproduzieren, wenn man den kulturellen Hintergrund der Zielsprache kennt und in seine Sprache mit einfließen lässt.

Ein faszinierendes Phänomen, dem ich hier ein bisschen weiter auf die Spur kommen möchte. Warum? Weil ich es an mir selbst beobachte: Spreche ich zum Beispiel Amerikanisch merke ich selbst, dass meine Stimmlage sich verändert – sie wird höher, ich möchte fast schon “schriller” oder “quäkiger” (existiert das Wort überhaupt?) sagen; gleichzeitig bin ich heiterer und aufgeschlossener. Und in meiner letzten Beziehung mit einem Italiener konnte ich meine Gefühle immer besser und differenzierter wiedergeben, als bei meinen deutschen Partnern davor und überhaupt finde ich mich sehr viel femininer und gleichzeitig temperamentvoller, wenn ich Italienisch spreche. Bilde ich mir das alles nur ein?

Nein.

Codeswitch = Persönlichkeitsswitch

 Schon Sigmund Freud wusste zu berichten, dass es Menschen sichtbar leichter fällt, in einer Fremdsprache über Dinge zu sprechen, die sie in der Muttersprache hemmten. Studien belegen, dass das daran liegt, weil man über eine Fremdsprache eine emotionale Distanz zu dem Gesagten aufbauen kann. Ich gehe selbst sogar so weit zu sagen: Dadurch, dass man in einer Fremdsprache vielleicht auch mal über ein Wort oder eine Formulierung genauer nachdenken muss, reflektiert man das, was man sagen möchte, nochmals mehr – was ebenfalls eine gewisse Distanz schafft. An der University of Chicago stellte man in diesem Zusammenhang fest, dass Menschen rationalere Entscheidungen in vielen Belangen, sogar in wirtschaftlichen, treffen, wenn sie sie im Kontext einer Fremdsprache fällen.

Der spanische Linguistikprofessor Albert Costa geht davon aus, dass das daran liegt, dass wir eine Fremdsprache oft nicht in einem intimen, emotional verknüpften Umfeld wie der Familie erlernen. So betrachten wir die Dinge etwas rationaler und distanzierter. Ein bestimmtes Sprachniveau muss man dafür allerdings wohl beherrschen. Denn so geht es nicht nur Sprachlernern, die Erfahrungen im Land der gelernten Sprache haben, sondern auch bilingual aufgewachsenen Sprechern. An der University Wisconsin-Milwaukee wurden zweisprachig Erzogene erforscht und auch hier kam man zu dem Ergebnis, dass ein Codeswitch, ein Sprachwechsel also, eine Veränderung der Persönlichkeit beim Sprechenden zur Folge hat.

An dieser Stelle sei der Form und dem Verständnis halber angemerkt, dass wir hier mitnichten von einer dissoziativen Identitätsstörung sprechen. Sondern davon, dass ein Sprachenwechsel eine andere Facette unserer Persönlichkeit in den Vordergrund stellt. Die Fremdsprache kann uns sozusagen mental in das dazugehörige Ursprungsland versetzen – sofern diese Verbindung besteht – und uns damit von unserer eigenen abweichende, kulturelle Aspekte ins Gehirn speisen, die dafür sorgen, dass wir unser (Sprach-) Verhalten anpassen. Es geht hier also bitte nicht um eine psychisch mit unter schwere Erkrankung, sondern darum, dass wir als Menschen 1.) vielschichtig und 2.) extrem anpassungsfähig (Danke, Evolution!) sind.

Von Sprachkultur und Selbstwahrnehmung

Bei den besagten Untersuchungen in Wisconsin wurden Frauen untersucht, die Spanisch-Englisch aufgewachsen sind, somit beide Sprachen als Muttersprache beherrschen. Aber auch diese Frauen zeigten das bereits erwähnte Phänomen, wenn sie wahlweise der einen oder anderen Sprache ausgesetzt waren: Sprachen Sie Spanisch empfanden sie sich selbst selbstbewusster, weiblicher, unabhängiger und aufgeschlossener; sprachen Sie Englisch waren Sie zurückhaltender, unsicherer. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass alle Frauen unter den gleichen linguistischen Bedingungen aufgewachsen sind.

Studien aus Hongkong und Berlin bekräftigen dieses Ergebnis. Selbst deutschsprachige Spanischlerner nahmen sich im Kontext der Fremdsprache extrovertierter und dominanter – übrigens auch gesprächiger (geht mir selbst mit Italienisch so) – wahr. Die chinesischen Englischlerner, die in Hongkong untersucht wurden, gestatteten sich auf Englisch dagegen, mehr zu fluchen, als in der Muttersprache. Wenn man hier die kulturellen Maßstäbe wieder anlegt, macht dies durchaus Sinn. Verbale Ausfälle dürfen in der chinesischen Kultur zumindest als verpönt betrachtet werden, während Sie in Amerika im Grunde in jeglicher Form im Alltags-, manchmal selbst im geschäftlichen Diskurs Anwendung finden.

Eingangs schrieb ich bereits davon, wie sich meine Stimmlage und Lautstärke, meine körperliche Expressivität verändern, wenn ich in die Fremdsprache meiner Wahl wechsle. Es ist nicht so, als könnte ich das wirklich kontrollieren. Stattdessen ist es wie ein kleiner Automatismus. Auch hierzu fiel das Ergebnis der Berliner Studie zu meinen Gunsten aus: Es ist kein bewusster Prozess. „Man nimmt kulturelle Codes sehr schnell und unterbewusst an,“ kommentiert der Forschungsleiter dazu. Natürlich nimmt jemand, der der respektiven Kultur länger oder zumindest intensiver ausgesetzt war, auch mehr dieser Codes in kürzerer Zeit an. Jemand, der seine Fremdsprache nur im Klassenraum benutzt, wird auf Italienisch weit weniger gestikulieren, als zum Beispiel ich das tue.

Kulturelle Aspekte fördern das Lernen

Wir alle beginnen mit kleinen Schritten, wenden die neue Fremdsprache auf feste Verhaltensmuster und unsere uns vertraute Persönlichkeit an. Aber besonders bei sehr dynamischen Sprachen, wie beispielsweise dem Spanischen, ist es schier unmöglich, sie wie das Deutsche auszusprechen. Mir fallen solche Sprachenlerner gerne dadurch auf, dass ich mich wundere, weshalb ihr Ausdruck in der Fremdsprache so leicht gelangweilt klingt. Sprachen wie Spanisch oder Italienisch (für einen Chinesen vielleicht Englisch) verlangen es dem Lernenden schon beinahe unvermeidbar ab, seine Körperhaltung etwas zu straffen und etwas geöffneter zu sprechen – und demnach eben auch zu sein. Denn, dass Körperhaltung auf unsere Selbstwahrnehmung und Ausstrahlung Einfluss hat ist längst bewiesen.

Im Unterricht geht es oft nur darum, die Wörter einigermaßen akzeptabel auszusprechen und die Grammatik verstanden zu haben und wie eine Schablone anwenden zu können. Jeder, der die Möglichkeit zu einem Sprachaustausch hat, wird sein Verhältnis zur Fremdsprache binnen kürzester Zeit aber verändern. Wer also wirklich das entwickeln möchte, was immer so ein bisschen geheimnisvoll als Sprachgefühl bezeichnet wird, der sollte beim Sprachenlernen auf den Austausch mit Muttersprachlern setzen. Sich mit einem Muttersprachler auszutauschen gibt uns nicht nur Einblicke in die Gestik und Mimik, die mit einer Sprache und Kultur unweigerlich verknüpft sind. Wir spiegeln unseren Gesprächspartner früher oder später auch, übernehmen seine Wortwahl und Aussprache. So können wir lernen, beim Sprechen nicht nur das jeweilige Lexikon im Gehirn zu aktivieren, sondern auch linguistische und kulturelle Hintergrundinformationen, die mit dieser Sprache verknüpft sind.

Davon kann man gleich mehrfach profitieren:

  • Schüchterne Menschen können über eine Fremdsprache durchaus auch schon mal über sich selbst herauswachsen.
  • Unsichere Menschen, können mutiger werden.
  • Das Verständnis für andere Kulturen wird geschärft.
  • Vorurteile können abgebaut werden.
  • Das Gehirn bleibt in Bewegung und lernt neue Verhaltensmuster und Ausdrucksmöglichkeiten.

Es ist nie zu spät!

Im Übrigen lohnt es sich immer, eine neue Sprache zu lernen. Denn die oben erwähnte Studie aus Berlin zeigte auch, dass auch „späte Lerner“, die nicht viele Jahre im entsprechenden Kulturkreis gelebt haben, beim Erwerb einer Fremdsprache noch neue Seiten an sich entdeckten, gar die Welt ein bisschen positiver wahrzunehmen begannen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die spanische Lebensfreude und Dynamik sehr wohl über die Sprache mit vermittelt wird und darin Ausdruck findet. Ein weiterer Hinweis darauf, also, dass mit einem Sprachwechsel immer auch ein bestimmter Kulturwechsel, Denk- und Verhaltenswechsel einhergeht.

Vielleicht hat also, wer auch immer das zu Anfang zitierte Bonmot geprägt hat, nicht 100% Recht gehabt. Aber wenn wir mit einer neuen Sprache schon keine neue Seele erwerben, so entfaltet sich doch zumindest ein vielleicht ganz zu unrecht bislang versteckter Teil unserer Persönlichkeit.

 Wer diesen Artikel geschrieben hat:Julia von Italienundich

«Der Blog „Italien und ich“ entstand aus einer Fernbeziehung mit einem Italiener und meiner Leidenschaft (und als Redakteurin auch Eigenschaft) fürs Schreiben heraus. Hier dreht sich alles um Italien und meine persönlichen Erfahrungen mit Menschen, Land und Sprache. Als Sprachwissenschaftlerin habe ich schon immer ein ausgeprägtes Faible für Sprachen gehabt und durch den Umstand, dass meine Oma Halbitalienerin ist, schon immer auch einen Bezug zum Italienisch und Italien. Nun stehe ich am entscheidenden Scheideweg, will künftig freiberuflich arbeiten und meinen Arbeits- und Wohnsitz dann nach Italien verlegen…auch davon erzähle ich auf meinem Blog, www.italienundich.com

6 Kommentare

  1. Ich kann das nur unterschreiben und habe es auf meinem eigenen Blog auch schon mal angemerkt, als ich feststellte, dass mein Beitrag über Schimpfwörter der meist gelesene Artikel bei mir ist: https://meinapulien.wordpress.com/2015/07/03/blogparade-der-meist-gelesene-artikel/

    So, nun werde ich mich mal weiter bei Dir umsehen, denn ich bin heute erstmals von Julia hier hergekommen.

    Viele Grüße,
    Corinna

  2. Ja, eine oder mehr Fremdsprachen verändern die Persönlichkeit. Ich kann von mir behaupten, dass mein Temperament automatisch ansteigt, wenn ich mit meinen Eltern italienisch spreche. 😉

    • Das ist bei mir genauso – wenn ich Italienisch spreche (oder auch Spanisch), dann werde ich viel extrovertierter und lebendiger. Da gestikuliere ich auch viel mehr …

  3. Hat dies auf Italien und ich rebloggt und kommentierte:
    Mein erster Gastbeitrag! Erschienen auf erfolgreichessprachenlernen.com, vielen Dank, Christine! 🙂

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