Ich weiß nicht, was ich lesen soll

Lesematerial

Du hast inzwischen ein ganz passables Niveau in deiner Lernsprache erreicht und würdest gerne anfangen, Originalliteratur oder Zeitungen und Zeitschriften zu lesen? Allerdings hast du das Problem, dass du nicht weißt, welche Materialien du auswählen sollst? Du weißt vielleicht nicht genau, wo du das Lesematerial findest, welches genau geeignet ist und vor allem – worauf du dann auch beim Lesen selbst achten solltest.

Ich habe dir in diesem Artikel Informationen zu den folgenden Bereichen zusammengestellt:

Welche Lesematerialien gibt es überhaupt?

Wie teilen sich die Lernstufen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens auf?

Welchen Einfluss hat dieser Referenzrahmen auf deine Leseauswahl?

Ist es empfehlenswert, lernstufenbasierte Lektüre zu lesen?

Sind übersetzte Bücher leichter zu verstehen als Literatur in der Originalsprache?

Warum solltest du nur lesen, was für dich interessant ist?

Wo findest du Lesematerial zum Leihen und Kaufen?

Wie können Internetseiten oder E-Books mit anderen Programmen, Webseiten oder Apps verknüpft werden?

Welche Lesetipps gibt es noch?

 

Welche Lesematerialien gibt es überhaupt?

Natürlich kannst du dich gleich an Bücher wagen, aber denke auch einmal an Zeitschriften und Zeitungen. Vergiss auch nicht die teils exzellenten Blogs zu Themen aller Art und auch die sozialen Medien nicht. Und denke nicht nur an gedrucktes oder im Internet lesbares Material, sondern auch an E-Books und E-Zeitschriften, die du bequem über ein elektronisches Medium wie den Kindle (ich habe den Kindle paperwhite), einen anderen E-Book-Reader oder ein Tablet lesen kannst.

 

Wie teilen sich die Lernstufen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens auf?

Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (GER) hat sechs Stufen, diese reichen von der elementaren Sprachverwendung (A1) bis hin zum (fast) Muttersprachlerniveau (C2). Die sechs Stufen sind A1, A2, B1, B2, C1 und C2. Innerhalb der einzelnen Stufen findet häufig noch eine weitere Abstufung statt, zum Beispiel B1.1 oder B1.2. Eine genaue Erklärung und Einteilung findest du auf dieser Webseite.

 

Welchen Einfluss hat dieser Referenzrahmen auf deine Leseauswahl?

Wenn du dein Sprachniveau relativ objektiv nach dem GER einstufen kannst, kannst du vor allem Nutzen beim Lesen von lernstufenbasierter Lektüre ziehen. Es gibt nämlich bestimmte Bücher, die für Sprachlerner vereinfacht umgeschrieben oder speziell geschrieben wurden. Diese richten sich nach dem GER. Der GER hilft dir also, die passende lernstufenbasierte Lektüre zu finden. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass manchmal die Einstufung, speziell bei Reclam, sehr ambitioniert erfolgt. Orientiere dich also, falls du derartige Lektüre lesen möchtest, am Anfang eher nach unten als nach oben. Ein ausgewiesenes Niveau B1 kann dann auch schon mal ein B2 sein.

 

Ist es empfehlenswert, lernstufenbasierte Lektüre zu lesen?

Das ist natürlich Geschmackssache. Mir persönlich gefallen sie nicht. Aber ich habe viele Kursteilnehmer und Studenten, die diese Art der Lektüre sehr motivierend finden. Wovon ich auch abrate, ist Lesematerial als zweisprachige Lektüre: Wenn auf einer Seite die Mutter- und auf der anderen Seite die Fremdsprache steht, liest man bald nicht mehr aktiv, sondern schaut nur noch nach. Das ist dann nicht Sinn der Sache – und es bringt auch nichts. Man darf sein Gehirn schon ein bisschen anstrengen. Allerdings muss ich auch hier relativieren: Es gibt Lerner, die zweisprachige Lektüre großartig finden. Wenn man sie vernünftig nutzt und die Seite mit der Muttersprache nur im Notfall oder zur Kontrolle nach dem Lesen nutzt, ist dagegen nichts einzuwenden. Wie überall gilt also auch hier: Jeder darf machen, was er will. 😊

 

Sind übersetzte Bücher leichter zu verstehen als Literatur in der Originalsprache?

Ich finde schon. Das gilt vielleicht nicht generell, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Übersetzungen einfacher sind. Ich habe keine Ahnung, woran es genau liegt. Aber: Aufpassen muss man bei Büchern, die nicht im Land der Schreibsprache spielen. Ich finde es manchmal irritierend, englische Straßen- und Städtenamen (geschweige denn Personennamen) zu lesen, wenn ich ein französisches Buch lese. Ich lese also französische Bücher, die in Paris spielen, also lieber als französische Bücher mit Schauplatz New York. Komischerweise stört mich das nur in einer Fremdsprache, in meiner Muttersprache habe ich damit kein Problem. Und bei Hörbüchern stört es mich mehr als bei geschriebenen Texten.

 

Warum solltest du nur Lesematerial lesen, das für dich interessant ist?

Nur weil ein Buch, Blog, Zeitungsartikel in einer Fremdsprache abgefasst ist, ist er nicht automatisch interessanter. Und warum sollte ich etwas lesen, wenn es mich nicht interessiert? Natürlich ist die Ausnahme, wenn man das Lesematerial wegen seines Berufes oder für die Schule oder das Studium lesen muss. Aber wenn du die Wahl hast, dann suche dir Inhalte aus, die dich ansprechen. Es gibt keinen Grund, seine Zeit mit langweiligen Inhalten zu vergeuden. Egal, was die Freundin dazu sagt. Der kleine Tipp am Rande: Man kann zu Amazon stehen, wie man will. Aber ich finde die Funktion „Käufer dieses Buches kauften auch …“ sehr nützlich. Wenn mir also ein Buch, das ich gekauft habe, sehr gut gefallen hat, dann schaue ich manchmal die Empfehlungen an und habe dort schon so manche Schätze entdeckt, die ich sonst nie gefunden hätte. Das Problem bei Fremdsprachen ist nämlich, dass man nie so genau weiß, wie die Bücher heißen – und auch Autorennamen sind häufig unbekannt. Daher sind solche „Querempfehlungen“ Gold wert.

 

Wo findest du Lesematerial zum Leihen und Kaufen?

Du kannst natürlich in Buchhandlungen stöbern oder im Internet nach passendem Lesematerial suchen. Da ich zu Weihnachten einen Kindle paperwhite bekommen habe, kaufe ich jetzt natürlich mehr Kindle-Bücher. Das hat Vorteile – nicht zuletzt sind diese E-Books viel günstiger. Wenn du aber gar kein Geld für Bücher ausgeben möchtest oder kannst, dann denke auch einmal an Bibliotheken, die nicht nur gedruckte Bücher, sondern auch E-Books verleihen. Bei uns nennt sich das System „Franken-Onleihe“ und funktioniert denkbar einfach. Frage einfach bei deiner Bibliothek nach, ob es dort etwas Vergleichbares gibt. Kleine Einschränkung allerdings: Mit einem Kindle-Gerät funktioniert das System nicht. Man muss entweder einen normalen E-Book-Reader benutzen (manche Bibliotheken verleihen diesen auch) oder auf einem Tablet oder dem Computer lesen.

 

Wie können Internetseiten oder E-Books mit anderen Programmen, Webseiten oder Apps verknüpft werden?

Auf dem Kindle paperwhite ist das ziemlich gut gelöst. Du hast (fast) automatisch Zugriff auf Wörterbücher und Wikipedia. Zudem hast du auch die Möglichkeit, alle nachgeschlagenen Wörter in einem Vokabeltrainer abzuspeichern und zu üben. Geniale Funktion!

Bei anderen Webseiten kannst du im Webbrowser – am besten funktioniert hier meines Wissens Google Chrome – Erweiterungen suchen. Es gibt zum Beispiel Reverso, Readlang, Grammarly und viele weitere Seiten oder Programme, die sich einfach integrieren lassen. Das ist dann aber eher ein Computerthema.

 

Welche Lesetipps gibt es noch?

 

Lies dich erst in ein Buch ein

Viele Leser entscheiden schon nach wenigen Sätzen: „Ich verstehe nichts, das Buch gefällt mir nicht, es ist zu schwer, …“. Mir ist das auch schon manchmal passiert. Aus Erfahrung weiß ich, dass zumindest ich immer etwa 30 Seiten brauche, bis ich mich eingelesen habe. So lange brauche ich, bis sich die Handlungsketten vereinigen, ich das spezielle Vokabular des Autors verstehe und mir die Lektüre gefällt. Vorher breche ich keine Lektüre mehr ab. Und genau das rate ich dir auch. Gib den Büchern eine Chance.

 

Höre mit einem Buch auf, wenn es dir partout nicht gefällt

Das Buch gefällt dir auch nach 50 oder 70 Seiten noch nicht? Dann höre auf, darin zu lesen, und suche dir etwas Neues! So schlimm ist es auch nicht, dass das Buch 8 oder 10 Euro gekostet hat! Eine Verschwendung deiner kostbaren Zeit wiegt viel schwerer. Also: Habe den Mut, Bücher nicht zu Ende zu lesen, wenn sie dich nur noch nerven.

 

Kaufe Zeitschriften und Zeitungen nach deinen Interessensgebieten

Wer sagt denn, dass du „Le Monde“ oder „The Economist“ lesen musst? Wenn du dich mehr für Psychologie, Aquaristik oder Autorennen interessierst, dann kaufe dir Zeitungen und Zeitschriften zu diesen Themen. Auch hier gilt: Was du in deiner Muttersprache nicht liest, brauchst du auch in der Fremdsprache nicht. So reduzierst du automatisch dein Lesematerial und kannst fokussierter auswählen.

 

Lies nur Bücher oder Zeitschriften, die knapp über deinem Niveau liegen

Wenn du dir Lesematerial besorgst, achte darauf, dass es deinem aktuellen Niveau (in etwa) entspricht, sonst macht das Lesen keinen Spaß. Du willst doch lesen und keine Grammatik- und Vokabellehrstunde verbringen. Und vor allem: Du willst dein Buch lesen und nicht das Wörterbuch oder die Grammatik. Denke auch einmal an Kinderbücher, wenn dir normale Literatur zu schwierig ist. Es gibt großartige Biografien von berühmten Wissenschaftlern, die kindgerecht geschrieben sind, die aber auch für Erwachsene geeignet sind. Diese Biografien gibt es übrigens in verschiedenen Sprachen, der Autor heißt Luca Novelli.

 

Schlage nicht alle Wörter nach

Das ist ein sehr wichtiger Tipp. Die meisten Lerner schlagen alle, alle, alle, alle unbekannten Vokabeln im Wörterbuch nach. Besser ist es, nur Schlüsselwörter nachzuschlagen, ohne deren Verständnis du nicht weiterlesen kannst. Alles andere ist egal. Mut zur Lücke ist hier die Devise.

 

Lies Zeitungen und Zeitschriften nicht komplett

Wenn du dir eine Zeitung oder Zeitschrift kaufst, musst du sie nicht komplett lesen. Picke dir die Artikel heraus, die du interessant und lesenswert findest. Beispiel: Du hast eine Reisezeitschrift mit Artikeln zu unterschiedlichen Reisezielen. Es gibt also Artikel zu Lissabon, Valencia, Griechenland, Vietnam, der Mongolei, Grönland, Fort-de-France, Salzburg und der Bretagne. Welche Reiseziele interessieren dich? Lies diese Artikel und lass die anderen Texte sein. Übrigens: Ich würde aus dieser Zeitschrift lesen: Lissabon, Valencia, Salzburg und Bretagne. Vielleicht noch Griechenland und Grönland. Fort-de-France und die Mongolei lasse ich weg, denn mein Interesse dafür ist eher mäßig. Das hat primär nichts mit Desinteresse zu tun, sondern damit, dass noch viel anderes Lesematerial auf mich wartet. Ich muss also mit meiner Zeit ein bisschen haushalten.

 

Analysiere nicht die Grammatik der Texte

Warum hat der Autor den Satz so und nicht anders formuliert? Wir wissen es nicht. Und es ist auch egal. Schließlich möchtest du ja lesen und keine Linguistikvorlesung an der Universität besuchen. In deiner Muttersprache analysierst du ja auch nicht. Also lass es auch in der Fremdsprache bleiben. So genießt du deine Lektüre viel mehr.

 

Nutze E-Books und die digitalen Medien

Ich finde gedruckte Bücher auch toll. Allerdings nutze ich immer mehr meinen Kindle und lese auch häufig am Bildschirm. Warum? Weil es häufig so praktisch ist. Erstens sind E-Books viel billiger, zweitens habe ich meine ganze Bibliothek überall dabei (bei gedruckten Büchern ist meine Kapazität des Gepäcks schnell erschöpft). Bei E-Books kann ich schnell Vokabeln nachschlagen oder eine kurze Internetrecherche machen. Und augenschonend ist das, dank Kindle, auch.

 

Lies sehr regelmäßig

Am besten liest du jeden Tag. Dann bleibst du sozusagen im Lese-Flow und verlierst, vor allem bei Büchern in der Fremdsprache, nicht so leicht den Faden. Wenn man nur einmal pro Woche liest, macht das keinen Spaß, weil man überhaupt nicht mehr weiß, worum es in der Vorwoche ging. Dann müsste man ständig dieselben Kapitel wieder und wieder lesen. Das macht erst recht keinen Spaß. Also: Lies regelmäßig – und wenn es nur wenige Minuten sind.

 

Verlasse dich nicht auf Empfehlungen von Freunden und Familie

Nur weil deine Freundin ein Buch gut findet, heißt das nicht, dass das auch für dich gelten muss. Sei also vorsichtig mit Empfehlungen wie „Das MUSST du unbedingt lesen!“

 

Tracke deine Lesezeit

Wie soll das denn gehen? Ganz einfach. Entweder schreibst du die Zeit auf, ganz klassisch mit Uhrzeit „von … bis …“, oder du machst es so wie ich. Meine Tochter hat mir ein Bullet Journal geschenkt. Darin sind für jeden Monat Gewohnheitstracker eingezeichnet, also kleine Monatsübersichten, in die ich täglich Kreuzchen machen kann, wenn ich die Gewohnheit (in diesem Fall das Lesen) eingehalten habe. Und zusätzlich gibt es eine Seite mit der Möglichkeit des Ankreuzens, wenn ich an dem Tag etwas für meine Sprachen gemacht habe. Und zuletzt habe ich noch ein gezeichnetes Bücherregal im Buch, in das ich meine fertiggelesenen Bücher eintrage.

 

Lies mein Buch

Darin findest du noch viele weitere Tipps zum Lesen und zum Sprachenlernen allgemein. Ich bin sicher, das bringt dich sprachlich weiter. Schließlich habe ich es für dich geschrieben. Es steht dir übrigens als Taschenbuch und als E-Book zur Verfügung, je nachdem, welche Variante du bevorzugst.

 

Hast du noch weitere Tipps? Wie gehst du beim Lesen vor? Wie bei der Bücher- und Zeitschriftenauswahl? Was hast du in deiner Lernsprache schon gelesen? Was liest du gerade? Du merkst, ich will alles zu deinem Lesematerial wissen! Ich freue mich, wenn du mir in den Kommentaren diese Fragen beantwortest!