Sprachenlernen: Die Expertin Beatrix Andree hat das Wort

Heute gibt es wieder ein Interview zum Sprachenlernen.  Diesmal habe ich Beatrix Andree befragt – alles Weitere erzählt sie dir am besten selbst.

Hallo Beatrix, erzähle mir ein bisschen über dich selbst und deinen Hintergrund.

Ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen kommend bin ich der damaligen Liebe wegen in München gelandet und dort „hängen geblieben“.

An der Münchner LMU habe ich dann Deutsch als Fremdsprache, Englische Linguistik und Philosophie studiert.

In London habe ich als Assistant Teacher gearbeitet und bemerkt, dass mir das Unterrichten extrem viel Spaß macht. Ich konnte mir dort die zu unterrichtenden Inhalte frei aussuchen und habe sie teilnehmergerecht und kommunikativ aufbereitet, so dass es Spaß gemacht hat Deutsch zu lernen. Das hat mich motiviert Sprach-Trainerin zu meinem Beruf zu machen.

Meine berufliche Laufbahn begann somit in London.

In München unterrichte ich jetzt seit Jahrzehnten an der VHS Deutsch als Fremdsprache und gebe auch Fortbildungen zu interkulturellen Themen und Themen aus dem Medienbereich.

Aus dem Bereich des Sprachtrainings ist ein Lehrwerk und eine didaktisierte Videoserie für BR alpha entstanden:

Deutsch Klasse  Lehrwerk „Deutsch Klasse“. Ein Deutschkurs für ausländische Mitbürger
Für Die dazugehörigen Lernvideos mit didaktisierten Szenen aus der Fernsehreihe, habe ich das Drehbuch geschrieben. Beim Dreh war ich dabei und das war sowas von spannend.

Für das Goethe Institut war ich jahrelang als Fortbildnerin für im Ausland tätige Lehrkräfte tätig zu folgenden Themen:

Mehr Autonomie für die Lerner, Training zur interkulturellen Kommunikation, Neue Medien und Studienbegleitender Deutschunterricht

Da die fortzubildenden Lehrkräfte im Ausland tätig waren, gab es für die Fortbildungen, die in Deutschland stattfanden, immer wochenlange Online Phasen vor und nach der Fortbildung.

Durch diese Online gestützten Fortbildungen bin ich schon relativ früh mit der Möglichkeit der digitalen Vermittlung von Wissen in Kontakt gekommen.

Da ich die immensen Vorteile des orts- und zeitunabhängigen Lernens sehen konnte, entstand in mir der Wunsch eine eigene Webseite zu kreieren und mein Wissen digital zur Verfügung zu stellen.

Meine Webseite Online Kurse erstellen (2013), deren Artikel ich auf einer Seite zusammengestellt habe,  beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Aufbau von digitalen Lerneinheiten. Das war zu der Zeit mein Steckenpferd.

Zum Beispiel: Wie kreiere ich, technisch und inhaltlich, einen Online Kurs?

Doch nach einer Weile lag der Fokus immer mehr auf dem Marketing: Wie vermarkte, wie verkaufe ich Online Kurse?

Das hat mich nicht wirklich befriedigt und seit Anfang des Jahres 2020 gibt es nun die Seite www.beatrix-andree.de und dort gibt es Informationen und Selbst-Lern-Übungen zu Deutsch als Fremdsprache speziell Deutsch für Fortgeschrittene.

Also „zurück zu den Wurzeln“.

 

Welche Leistungen bietest du auf deiner Webseite an?

Bis vor kurzem gab es rein kostenlose Leistungen, wie z.B. Blogartikel zu Grammatik, Wortschatz, Schreiben, Sprechen, Hintergründe zu Prüfungen etc., Online Selbstlern-Übungen zu o.g. Themen und ein Gratis E-Book mit Lerntipps.

Für alle, die gerne ihre Deutschkenntnisse mit mir persönlich vertiefen möchten, gibt es nun auch meinen individuellen und passgenauen Online Deutsch Unterricht.

Auf lange Sicht plane ich einen Online Kurs zu verschiedenen Fertigkeiten oder ein E-Book mit individuellen Lerneinheiten. Mal sehen, welches Format am besten zu meinen Leser*innen passt.

 

Und warum hast du dich entschieden, im Bereich Deutsch als Fremdsprache zu arbeiten?

Ja, das ist eine spannende Frage, die ich mir auch schon häufiger gestellt habe. Immerhin ist das Studienfach Deutsch als Fremdsprache nicht gerade Mainstream.

Durch meine frühen Auslandaufenthalte vor allem in Indien und durch meine Assistant Teacher Aktivität in Großbritannien bin ich hautnah mit kulturellen Unterschieden in Kontakt gekommen.

Dabei hat mich von Anfang an das Thema „Fremdheit“ und das Thema „Identifikation“ interessiert.

Der Blick auf Deutschland aus fremden Augen hat mich fasziniert und mir gezeigt, wie stark und tiefgreifend mein eigenes Verhalten kulturell geprägt ist.

Die Frage, womit wir uns identifizieren, mit unserer Kultur, mit unserer Sprache, mit unserem Aussehen, mit unserer „Alltags-Normalität“ ist für mich nach wie vor unglaublich spannend und vor allen Dingen außerordentlich erhellend.

Was wir sagen und tun, wie wir es sagen und tun und was wir meinen, bei dem was wir sagen und tun, ist sehr stark durch unsere Kultur beeinflusst.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein  formulierte es folgendermaßen:

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Johann Herder und Wilhelm von Humboldt entwickelten die Idee, dass wir Menschen unterschiedlich sprechen, weil wir unterschiedlich denken und umgekehrt, wir denken unterschiedlich, weil unsere Sprache uns Wege weist, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen.

Ich könnte jetzt noch mehr berühmte Menschen zitieren, die die Wechselseitigkeit von Kultur, Sprache und Denken untersucht haben, doch am besten ist, ich empfehle dir ein Buch (an dem ich mitgewirkt habe) und in dem du sehr viel über deine eigene Kultur, kulturelle Fremdheit, kulturelle Filter, Techniken des interkulturellen Umgang und vieles mehr erfahren kannst.

Das Buch hat den Titel: Culture Communication Skills

 

Wie sieht erfolgreiches Sprachenlernen aus, was ist für dich die beste Methode?

Das ist meine AHAA Methode: Aktualität, Humor, Abwechslung und Autonomie.

Das Lernen muss einfach Spaß machen. Und Spass machen die Dinge, die einen interessieren. Wir sind ja hier in Deutschland ziemlich diskussionsfreudig und da macht es dann Spaß, wenn man mitreden kann, sich auskennt, den Wortschatz hat, die Redemittel beherrscht. Und am besten ist es, wenn man sich etwas selbständig erarbeitet.

Frei nach Konfuzius: Sage es mir und ich vergesse es. Zeige es mir und ich werde mich erinnern. Lass es mich tun und ich behalte es.

 

Wenn du etwas Neues lernst, hast du immer die gleiche Strategie bzw. welche täglichen Gewohnheiten in Bezug auf das Lernen hast du dir angeeignet?

Ich habe 10 Jahre Taijiquan geübt und Professor Cheng Man-ch’ing (in dem Buch von Wolf Lownthal: Es gibt keine Geheimnisse) verglich das Üben mit dem Errichten eines Stapels Papier. Jeden Tag legt man ein einzelnes Blatt dazu. Das einzelne Blatt erscheint zunächst sehr spärlich und unbedeutend. Doch allmählich, wenn man ausdauernd bleibt und Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr jeden Tag ein weiteres Blatt hinzufügt, dann wird das ganze zu einem riesigen Stapel.

Nun praktiziere ich Yoga. Wenn es geht, jeden Tag.

Meine Devise lautet somit:

Übe das Neue, sooft und regelmäßig du kannst!

 

Welche Materialquellen verwendest du normalerweise? Mit welchen Programmen, Tools und Apps arbeitest du? Gibt es ein Lieblingsprogramm?

Am liebsten nutze ich learningapps und canva. Mit den Learningapps erstelle ich meine Online-Selbstlernübungen. Und mit canva gestalte ich für den Unterricht ansprechende Infografiken.

Ansonsten nutze ich deutsche Spielfilme sowie die Kurzfilme auf YouTube sehr gerne und natürlich auch Musik und Lernspiele.

 

Wie schaffst du es, neben einer Vielzahl von anderen Beschäftigungen zu lernen?

Ich halte mir Zeitfenster frei und entwickle Routinen bzw. Abfolgen. So muss ich mir nicht jedes Mal neu überlegen, was als nächstes kommt.

 

Wie erhält man die Motivation zum Sprachen-Lernen aufrecht?

Indem man sich immer wieder klar macht, warum man diese Sprache lernen möchte. Wenn du in Deutschland lebst und die deutsche Sprache lernst, dann ist dein Warum eigentlich sonnenklar: Du möchtest teilhaben am Leben in Deutschland, Freunde finden, eine Ausbildung machen, studieren, arbeiten etc. Das geht ohne deutsche Sprachkenntnisse nicht.

Und man motiviert sich zum Lernen, indem man sich mit den Dingen beschäftigt, die einem Spaß machen.

 

Welchen Fehler gilt es unbedingt zu vermeiden?

Erst kurz vor einer Prüfung anfangen zu lernen, ist das Schlechteste, was man machen kann. Das bereitet unglaublich viel Stress, da ein Zeitdruck entsteht, den man vermeiden kann.

Es ist besser kontinuierlich zu lernen. Jeden Tag ein bisschen. Kontinuität wird häufig mit IMMER verwechselt. Das ist ein Anspruch, den nicht so viele halten können.

Es gibt immer wieder mal Tage, da kann man sich einfach nicht motivieren etwas zu tun. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil: Das ist normal. Das heißt ja nicht, dass man deshalb nicht am nächsten Tag wieder anfangen kann zu lernen.

Also: Auch wenn es mal eine Lernpause gibt, dann bedeutet das nicht, dass man aufgegeben hat, sondern es war einfach eine Pause. Und häufig ist es so, dass man nach der Pause auf einem höheren Niveau weiter macht.

 

Zusatzfrage 1: Woran erkennt man einen Sprachennerd?

Keine Ahnung, vielleicht daran, dass er mit viel Freude immer wieder neue Sprachen lernt.

Ich selbst bin kein Sprachennerd.

Mich fasziniert, dass man durch das Lernen einer fremden Sprache erfährt, dass die eigene Art zu leben relativ ist. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten zu leben. Schon innerhalb eines Landes gibt es unglaublich viele kulturelle Unterschiede.

Doch wenn du dich in einem anderen Land aufhältst, erfährst du noch viel mehr Differenzen.

Vor allen Dingen Unterschiede, die dich eventuell anfangs nerven und bei denen du erst im nachhinein, nach einem tieferen Eintauchen in die neue Kultur und Sprache verstehst, welche Hintergründe die Situationen wirklich hatten.

 

Zusatzfrage 2: Gibt es noch etwas, was du mir mitteilen möchtest?

Ja, ich freue mich, dass viele Menschen so tief in eine fremde Sprache und Kultur eintauchen, dass sie die „Sprache“ hinter den Worten verstehen können.

Trotz unserer teilweise doch großen sprachlichen und kulturellen Unterschiede sind wir alle Menschen.

Daher ist eine fremde Sprache zu beherrschen auch ein Beitrag zu mehr Verständnis und Frieden auf der Welt.

 

Danke für das Interview, Beatrix!

 

 

1 Kommentar

  1. Beatrix

    Liebe Christine,
    vielen Dank für die interessanten Interviewfragen!
    Sie gaben mir die Gelegenheit noch einmal meinen Werdegang zu reflektieren. 😀
    Alle Liebe und Gute,
    Beatrix

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