Sprachen lernen im Alter? Ja, unbedingt!

alter

Heute gibt es einen Gastartikel! Ich übergebe also an Birgit Bauer, die sich gleich selbst vorstellen wird:

Ich heiße Birgit Bauer und betreibe im Raum Wien ein Bildungsinstitut mit den Schwerpunkten Sprache & Interkulturelle Kompetenz (www.bildungsraum.at). Den Link zu meinem Blog finden Sie am Ende des Artikels.

Ich habe Christine Konstantinidis gebeten, einen Gastartikel für meinen Blog zu schreiben, den ich ebenfalls heute publiziere. Im Gegenzug habe ich diesen Artikel für ihren Blog verfasst. Das gemeinsame Thema ist: „Sprachen lernen und Alter“ – viel Spaß beim Lesen!

Irmgard ist 74 Jahre alt. Seit zwei Jahren lernt sie bei uns eine Fremdsprache. Keine ihr vertraute Sprache wie Englisch, sondern eine neue, exotische Sprache – Japanisch. Denn: „Irgendwann möchte ich nach Japan zur Kirschblüte – und mich mit den Menschen unterhalten können. Aber dafür habe ich ja noch Zeit“, meint die rüstige Seniorin und schmunzelt.

Anfangs hatte Irmgard Bedenken wegen ihres fortgeschrittenen Alters. Sie wünschte sich, früher mit dem Japanisch-Studium begonnen zu haben. Doch mittlerweile ist sie begeistert und die nagenden Selbstzweifel sind verflogen. In ein oder zwei Jahren wird sie bestens gerüstet die Reise ins Land ihrer Träume antreten.

Sprachen lernen im Alter – geht das denn?

Ist Irmgard die große Ausnahme? Ist es wirklich möglich, jenseits der 60 eine neue Sprache zu lernen?

Die Fremdsprachentrainerin Helga Linhart widmete sich in ihrer Dissertation dem Erwerb von Fremdsprachen im fortgeschrittenen Alter. Sie stellte fest, dass die ältesten Sprachenlerner die größte Willenskraft haben. Außerdem spielen Lebenserfahrung, Disziplin und Geduld im Sprachlernprozess eine tragende Rolle. Ältere Lernende können meist auf ein großes Repertoire an Gedächtnis- und Lernstrategien zurückgreifen und haben diesbezüglich eindeutig die besseren Karten als jugendliche Lerner.

Auch die Hirnforschung macht Mut. Das Gehirn einer Person im fortgeschrittenen Alter ist definitiv noch formbar, „plastisch“, wie die Wissenschaftler sagen. Das Kurzzeitgedächtnis ist zwar von Alterungsprozessen betroffen, aber nicht das Langzeitgedächtnis, das für Sprachverständnis und Sachwissen verantwortlich ist. Denn ein durch Alter verursachter biologischer Abbau des Gehirns bzw. das Nachlassen der Lernfähigkeit findet bei einem gesunden Menschen erst jenseits der 80 statt.

Insgesamt betrachtet kann das Erlernen einer Fremdsprache auch in fortgeschrittenen Lebensjahren durchaus von Erfolg gekrönt sein.

Sprachen lernen im Alter – wozu eigentlich?

Es gibt so viele unterschiedliche Beweggründe, eine Fremdsprache zu lernen, wie es Menschen gibt – vielleicht erkennen Sie sich bei einigen der hier genannten Motive selbst wieder?

1) Reisen und fremde Kulturen kennen lernen
Irmgard ist durch die geplante Reise motiviert, ihr Japanisch-Studium voranzutreiben. Ihre Kinder sind längst erwachsen, ihr Haus ist abbezahlt – und ihr Interesse an fremden Ländern gewachsen. So geht es vielen älteren Menschen. Natürlich ist es viel leichter, neue Kontakte im Reiseland zu knüpfen und kulturelle Eigenheiten zu erschließen, wenn man die Landessprache spricht.


2) Neue Kontakte knüpfen
Nicht nur im fremden Land, sondern auch beim Lernen der Sprache in der Heimat lassen sich neue Kontakte knüpfen. Denn in einem Kurs trifft man in der Regel auf Gleichgesinnte, wodurch neue Freundschaften entstehen können.


3) Lebenslang lernen & geistig fit bleiben
Für viele Menschen haben Bildung und Weiterbildung an sich einen hohen persönlichen Stellenwert und das gesamte bisherige Leben war durch Neugier und Wissensdurst geprägt. Dazu kommt, dass Sprachenlernen erwiesenermaßen geistig fit hält. Es wirkt wie ein Trainingsprogramm für das Gehirn und fordert das Gedächtnis. Als Folge wirkt dieses mentale Jogging den Alterungsprozessen des Gehirns entgegen.


4) Persönliches Interesse
Oft sind es ganz individuelle Gründe, aus denen man eine bestimmte Sprache auch noch im fortgeschrittenen Alter lernen möchte. Der große Mathematiker Carl Friedrich Gauß zum Beispiel interessierte sich so sehr für die Publikationen seines russischen Kollegen Nikolai Lobatschewski, dass er Russisch lernte. Er war bereits 63 Jahre alt, als er mit dem Russisch-Studium begann. Auch familiäre Bande oder die Verbundenheit mit einem speziellen Land können ausschlagegebend für ein Sprachenstudium sein.



Sprachen lernen im Alter – wie funktioniert’s?

Im Alter lernt man anders – aber nicht schlechter – als noch zu Schulzeiten. Daher habe ich ein paar Lerntipps für Sie zusammengestellt.

1) Haben Sie Geduld mit sich!
Grundsätzlich ist es so, dass mit steigendem Alter das Kurzzeitgedächtnis nachlässt und man für die Einspeicherung ins Langzeitgedächtnis länger und mehr Wiederholungen braucht. Setzen Sie sich daher nicht unnötig unter Druck, in möglichst kurzer Zeit eine Sprache fehlerfrei zu erlernen. Planen Sie etwas mehr Zeit ein und lernen Sie lieber nur wenige neue Vokabeln am Tag und wiederholen Sie diese häufiger!


2) Lernen Sie aus dem Leben!
Wer das Gelernte gleich anwenden kann, lernt besonders effektiv. Daher sollten Sie beim Lernen mit dem Wortschatz beginnen, den Sie am ehesten anwenden können. Wenn Sie also eine Reise planen, lernen Sie zunächst, wie man sich begrüßt, verabschiedet und bedankt, wie man Preise oder den Weg zu einem Hotel erfragt! So werden Sie bei Ihrer Reise gleich ins Gespräch kommen und auf diese Weise Ihren Wortschatz vergrößern.


3) Setzen Sie sich kleine Ziele!
Viele Personen – und das betrifft keinesfalls nur ältere Lerner – machen in der anfänglichen Euphorie den Fehler, ihre Lernziele zu hoch zu stecken. Ein nicht allzu großes, aber dafür kontinuierlich erarbeitetes Lernpensum führt viel eher zum Erfolg und spornt zum Weiterlernen an.


4) Besuchen Sie einen Sprachkurs!
Da das Erlernen einer Fremdsprache im Selbststudium sehr mühselig und langweilig werden kann, empfehle ich einen Sprachkurs. So lernen Sie mit Gleichgesinnten und knüpfen dabei neue Kontakte. In einem Kurs liest man die jeweilige Sprache nicht nur, sondern man hört sie auch – mit der richtigen Aussprache und Betonung.


5) Trainieren Sie auch außerhalb der Lernsituation!
Schaffen Sie sich möglichst viele Gelegenheiten, um Ihre neu erworbene Fremdsprache anzuwenden! Treffen Sie Freunde, welche die Fremdsprache sprechen und unterhalten Sie sich in dieser, um selbstbewusster und sicherer mit der neuen Sprache umzugehen und Hemmschwellen abzubauen! Lesen Sie Bücher und Zeitschriften, hören Sie Musik in der Fremdsprache und schauen Sie sich Filme im Originalton an! Tauchen Sie regelrecht ein in diese fremde Welt!


6) Nutzen Sie Ihre Erfahrung!
Einen Vorteil, den man als älterer Lerner nutzen sollte, ist die Fähigkeit, neues Wissen an altes anzuknüpfen. So können Sie aus einem reichhaltigen Repertoire an passenden Lerntechniken schöpfen und mit Tricks und Eselsbrücken ihr nachlassendes Gedächtnis überlisten. Gleichzeitig verfügen Sie über einen weit größeren Erfahrungsumfang, mit dem sich das komplexe System Sprache erfassen lässt.


Irmgard vor Augen, schließe ich mit den Worten, dass es nie zu spät zum Lernen ist und wünsche Ihnen viel Erfolg beim Ausprobieren.

Der Link zu Birgits Blog ist: http://www.bildungsraum.at/blog/

Viel Spaß beim Lesen und herzliche Grüße

Christine

2 Kommentare

  1. martarechul

    01/02/2016 at 15:17

    Toller Beitrag Birgit! Liest sich fantastisch und macht total Lust auf ältere Lerner 🙂
    Viele Grüße

    • Hallo Marta. Ja, Birgit schreibt tolle Artikel. Wir haben ab und zu Kontakt und sind uns in unserer Denkweise sehr ähnlich. Deshalb arbeite ich auch gerne mit ihr zusammen. Sie hat auch an unserem großen Interviewprojekt teilgenommen.
      Liebe Grüße
      Christine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*