Die Gretchenfrage: Wie schnell lernt man eine Sprache?

Englisch im Schlaf! Italienisch in 2 Tagen! 10000 Wörter Französisch nur durch das Vorbeigehen am Bücherregal! – Ich gebe zu, das ist alles etwas übertrieben, aber trotzdem glauben viele Leute, dass man eine Sprache in 2 Wochen lernen kann. Geht das tatsächlich? Am besten noch im Schlaf? Das wäre natürlich super, aber im Ernst: Wie schnell kann man eine Fremdsprache lernen und was bedeutet fließend sprechen eigentlich? Und nicht zuletzt: Wovon hängt diese Zeitdauer des „Wie schnell lernt man eine Sprache?“ eigentlich ab?

Wie lange dauert das Lernen einer Sprache jetzt eigentlich tatsächlich?

Das individuelle Lerntempo ist von vielen einzelnen Faktoren abhängig. Hier sind die sieben Hauptpunkte

Ist deine Lernsprache weit von deiner Muttersprache entfernt?

Je weiter deine Lernsprache von deiner Muttersprache entfernt ist, desto länger dauert der Lernprozess. Es ist vollkommen logisch, dass ein Franzose schneller Spanisch lernt als Chinesisch und dass ein Spanier schneller Italienisch lernt als Deutsch oder Japanisch. Als Deutscher wirst du relativ leicht Englisch oder Holländisch lernen können, aber mehr Energie auf Finnisch, Türkisch oder Koreanisch verwenden müssen. Und auf die romanischen Sprachen – ich spreche aus Erfahrung.

 

Als wie schwer wird deine Lernsprache eingestuft?

Es gibt Sprachen mit einer unheimlich komplexen Grammatik. Es gibt aber auch Sprachen, für die wir ein spezielles Alphabet oder Schriftzeichen lernen müssen. Grundsätzlich sind für deutsche Muttersprachler die europäischen Sprachen relativ leicht zu erlernen – dazu gehören Englisch, Holländisch, Italienisch oder Spanisch -, bei Sprachen mit mittlerer Schwierigkeit brauchen wir schon mehr Energie. Dazu zählen für deutsche Muttersprachler Hebräisch, Russisch oder Indonesisch. Wenn du dich richtig fordern willst, dann versuche dich an Chinesisch, Japanisch, Arabisch oder Vietnamesisch – das sind für deutsche Muttersprachler extrem schwere Sprachen. Es versteht sich allerdings von selbst, dass diese Liste für Muttersprachler anderer Sprachen ganz anders aussieht.

 

Wie alt bist du?

Sagst du dir manchmal, dass du zu alt zum Sprachenlernen bist? Lernen aber jüngere Menschen tatsächlich schneller und leichter als ältere Lerner? Ich glaube, dass ältere Sprachlerner anders lernen: Sie verfügen über wesentlich mehr Disziplin, können sich besser konzentrieren und sind im Allgemeinen motivierter. Ältere Menschen lernen meist eigenmotiviert – also nur, weil sie selbst es wollen. Das macht das vermeintlich beweglichere und jüngere Gehirn wieder wett, oder?

 

Über wie viel Talent verfügst du?

Talent ist im Allgemeinen weniger wichtig als du glaubst. Grundsätzlich kann jeder Mensch eine Sprache lernen. Aber dennoch ist unbestritten, dass es manchen Menschen leichter und anderen Menschen schwerer fällt. Nicht anders ist es in anderen Bereichen: Manche Menschen können Computer reparieren, andere eben nicht. Manche Menschen können großartige Schwarzwälder Kirschtorten backen, andere eben nicht. Manche Menschen verstehen mathematische Formeln auf Anhieb, andere (wie ich) nicht. Manche Menschen kommen sofort mit ihren Smartphones zurecht, andere nicht. Bei Sprachen ist es genauso. Und es kann sogar von Sprache zu Sprache variieren. Bei mir ist es so, dass mir Spanisch viel leichter fällt als Französisch – und ich habe keine Ahnung warum. Es ist einfach so.

Grundsätzlich lässt sich aber alles bis zu einem gewissen Grad lernen. Und nebenbei bemerkt: Talent ist nur eine Säule. Die anderen Säulen, auf die das Lernen aufgebaut ist, sind Motivation und Fleiß.

Mit welchen Materialien lernst du?

Hast du für dich schon das perfekte Material gefunden? Oder nutzt du immer noch das Lehrbuch aus dem Jahr 1976 und das alte zerschlissene Wörterbuch, weil es sowieso zu Hause herumliegt? Nutzt du Methoden, die wie für dich gemacht sind? Bist du ein Hörtyp und quälst dich dennoch durch ellenlange Zeitungsartikel? Bist du ein Lesetyp und hörst dir widerwillig Hörbücher an, weil deine Freundin gesagt hat, das sei doch so praktisch und zeitsparend?

Nutze also das perfekte Material, die perfekte Methode, den perfekten Kurs – in welcher Form auch immer: Heutzutage ist die Auswahl wirklich riesig.

Dieses „perfekte Material“ betrifft übrigens nicht nur die reinen Lehrmaterialien, sondern auch die Kleinigkeiten wie den Stift, das Papier oder den Computer und das Smartphone. Ich schreibe nur mit meinem Füller, weil ich Kugelschreiber hasse. Ich kaufe mir schöne Blöcke und Hefte, in die ich gerne schreibe. Ich nutze mein Smartphone zum Vokabelwiederholen – mit Memrise -, weil es für mich praktischer und angenehmer ist als der Computer (oder der alte Karteikartenkasten – ich hasse herumfliegende Zettel und Karten!). Mein Mann dagegen schreibt so gut wie nichts mit der Hand und wenn doch, nimmt er den billigsten Werbekugelschreiber. Er lernt seine Vokabeln ausschließlich am Computer – übrigens ebenfalls mit Memrise – und nur im absoluten Notfall auf dem Smartphone. Und einen schönen Stift oder Block hat mein Mann in seinem ganzen Leben noch nicht gekauft. So verschieden ticken die Menschen. Also: Nutze nur das, was dir guttut.

Wie viel Zeit investierst du?

Nur das Lehrbuch auf den Tisch legen wird dir nicht weiterhelfen. Du musst Zeit in das Lernen investieren. Es ist allerdings nicht notwendig, die Zeit aktiv lernend am Schreibtisch zu sitzen – das mache ich übrigens höchst selten. Besser ist es, die Lernzeiten in den Alltag zu integrieren. Höre Podcasts und CDs beim Autofahren, beim Sport oder bei der Hausarbeit. Suche dir Sprachpartner im Ausland – mit Tandemseiten wie Italki ist das sehr einfach. Kaufe dir Bücher oder Zeitschriften zu deinem Hobby in deiner Lernsprache – dabei ist es egal, ob du Motorsportfan bist oder gerne angelst. Es gibt inzwischen Angebote für jeden erdenklichen Themenbereich. Auch von deinem Heimatland aus kannst du diese Zeitschriften beziehen – als Online-Version über Zinio beispielsweise. Und es ist noch nicht einmal teuer.

Warum lernst du?

Wie ist denn deine Einstellung gegenüber dem Lernen? Lernst du, weil du selbst das möchtest? Hast du dein Ziel vor Augen? Freust du dich auf deine Lerneinheiten und bist eigenmotiviert? Falls du damit Probleme hast und das Lernen häufig als notwendiges Übel ansiehst, dann arbeite an deinem Mindset.

Wie lange dauert das Lernen jetzt also tatsächlich?

Nicht nur die eben genannten Punkte sind wichtig, sondern hauptsächlich, was dein persönliches Ziel ist. „Ich möchte fließend Italienisch/Spanisch/Türkisch/Englisch sprechen“ ist nicht das beste Ziel. Warum das so ist, erkläre ich dir in diesem Artikel. Prinzipiell ist vom Beginn des Lernens bis zum Erreichen des Ziels alles zwischen 2 Monaten und 100 Jahren möglich ist und es hängt davon ab, wie du „fließend sprechen“ überhaupt definiert.

 

Was bedeutet „fließend sprechen“ eigentlich genau?

Sprichst du schon fließend, wenn du dir fehlerfrei einen Kaffee oder ein Stück Kuchen bestellen kannst? Oder musst du über Astrophysik oder die Geschichte des 16. Jahrhunderts diskutieren können? Kannst du das in deiner Muttersprache? Ist das „fließende Sprechen“ ein lohnenswertes Ziel?

Wie du siehst, kann man nicht jedes „ich möchte fließend sprechen können“ als festgelegte Tatsache sehen, denn es hängt von jeder einzelnen Person ab. Daran siehst du schon, wie wichtig deine persönlichen Ziele sind – danach richtet sich dein Sprachlernprogramm nämlich! Wenn du in deiner Muttersprache nicht über Astrophysik diskutieren möchtest oder kannst, musst du das auch nicht in einer Fremdsprache tun! Wenn du aber in Kreisen verkehrst, in denen Diskussionen über Astrophysik üblich sind, und dieses Thema dein Steckenpferd auch in deiner Muttersprache ist, dann solltest du das auch zum Ziel in deiner Lernsprache erklären.

Natürlich kannst du auch Stufe für Stufe bearbeiten, so wie sie bei einer objektiven Bewertung von Sprachkenntnissen üblich sind.

Kann man Sprachkenntnisse überhaupt objektiv bewerten?

Eine objektive Bewertung der Sprachkenntnisse bietet der Europäische Referenzrahmen, unter diesem Link http://www.europaeischer-referenzrahmen.de/ findest du eine Aufstellung mit den einzelnen Kompetenzen und den Definitionen. So kannst du dich selbst einstufen und sehen, wo du momentan stehst. Die Stufen des Europäischen Referenzrahmens sind einheitlich für ganz Europa festgelegt und umfassen die Stufen A1 und A2, B1 und B2, C1 und C2 – dabei bedeutet A1 Anfängerniveau und C2 nahezu muttersprachliches Niveau.

Und meine persönlichen Ziele zählen wohl nichts?

Doch! Diese sind sogar noch wichtiger als alles andere!

 

Und was soll ich nun lernen?

Eine Stufe nach der anderen, angefangen bei Stufe 1.

Hier ist eine grobe Einteilung:

Deine Stufe 1 beinhaltet die Basis

Das sind die meisten gebräuchlichen Wörter einer Sprache, dabei kommt man mit 2000 bis 3000 Wörtern hervorragend aus. Der Haken: Es müssen die richtigen Wörter sein. Suche nach Büchern oder Aufstellungen mit dem Grund- und Aufbauwortschatz. In vielen Wörterbüchern sind diese Wörter auch gekennzeichnet, entweder durch bestimmte Symbole oder durch andersfarbige Unterlegungen.

Deine Stufe 2 beinhaltet deinen persönlichen Wortschatz

Diese Wörter sind deine speziellen Vokabeln für dein berufliches Umfeld oder für deine Hobbys. Also stellst du sie dir selbst zusammen. Dabei gilt: Wörter, die du in der Muttersprache nicht verwendest, brauchst du auch in der Fremdsprache nicht.

Die Stufe 3 – dann geht es in Richtung Muttersprachlerniveau – kommt erst dann in Frage, wenn die ersten beiden Stufen abgedeckt sind.

Dann aber hast du sicherlich schon so viel Routine beim Lernen entwickelt, dass dir sicherlich viele Ideen kommen, wie du sprachlich weiterkommst. Und bestimmt hast du bis dahin auch schon Kontakte geknüpft.

Du siehst also, dass das Wichtigste deine persönliche Zielsetzung ist: Was willst du?????

 

Und wie lange dauert das alles?

Es versteht sich von selbst, dass diese ganzen Prozesse nicht über Nacht passieren, sondern viel viel Zeit benötigen. Dabei gilt meiner Meinung nach – wenn man nicht gerade Abschlussprüfungen bestehen muss – immer, dass das fließende Sprechen immer der grammatikalischen Korrektheit vorzuziehen ist. Also: Lieber einen grammatikalisch falschen Satz sagen als so lange überlegt und die Sprechgelegenheit verpasst.

 

Ist es schlimm, wenn du Fehler machst?

Natürlich nicht. In einer Fremdsprache musst du Fehler machen, damit du beim Lernen vorwärts kommst. Die Hauptsache ist doch, dass die Kommunikation funktioniert. Wenn Ausländer nach Deutschland kommen und viele Fehler in der deutschen Sprache machen, werden sie ja trotzdem verstanden. Und das ist doch das Wichtigste! Mit „Ich wollen Eis von Vanille“ bekomme ich auch mein Vanilleeis, auch wenn der Satz Fehler enthält.

 

Und was kannst du noch tun?

Zuerst einmal solltest du dein Ziel definieren und in Teilschritte aufteilen. Wie du ein sinnvolles Ziel findest und wie du deinen passenden Lernplan dazu schreibst, habe ich dir gesondert in diesen Artikeln hier und hier zusammengestellt.

Dann solltest du, sobald du dir deinen Überblick verschafft hast, das notwendige Material besorgen. Achte dabei auf  Materialien, die dir persönlich gefallen und mit denen du gerne lernst. Nicht automatisch sind das die gleichen Bücher oder Computerprogramme, die dein bester Freund dir empfiehlt. Denke bei den Materialien auch an Stifte, Blöcke, Computerpapier und Dinge wie gut funktionierende Kopfhörer oder eine genau für dich passende Computermaus.

Fange an zu lernen und passe, wenn nötig, deinen Lernweg an, sobald du feststellst, dass etwas noch nicht optimal läuft.

Und das Wichtigste: Sei stolz auf dich und freue dich an deinen Erfolgen!

Ein Tipp noch zum Schluss: Versuche immer, die Vokabeln mit deinem Leben zu verknüpfen. Alles, was dich selbst betrifft oder wozu du einen persönlichen Bezug hast, lernst du leichter. Natürlich ist das nicht immer möglich, aber nutze jede dir bietende Gelegenheit der Verknüpfung. Die Verknüpfung passiert auch, wenn du Wortfelder, Wortverbindungen und Zusammenhänge bildest. Stöbere ein bisschen in den anderen Artikeln, darin finden sich schon viele Tipps dazu.

Viel Spaß dabei!

 

Möchtest du weitere Tipps haben?

Dann empfehle ich dir mein Buch. Du findest es auf Amazon (und allen anderen Portalen wie auch in der Buchhandlung bei dir am Ort) unter den folgenden Informationen:

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Covergestaltung: pixelstudio

Autorin: Christine Konstantinidis

Buchtitel: Sprachen lernen – Tolle Tipps und Tricks

Kreative Methoden für Motivation und maximalen Erfolg

ISBN: 9-783734-779947

5 Kommentare

  1. Vidya Gadgil

    27/08/2017 at 18:06

    Vielen Dank für einen wunderschönen Artikel. Dieser Artikel hat mir viel geholfen, meines Lernziel noch einmal richtig zu definieren.

    • Hallo Vidya,

      danke für das Kompliment! Es freut mich sehr, dass der Artikel nützlich für dich ist. Viel Spaß beim Lernen!

      Viele Grüße
      Christine

  2. Ich denke, die Praxis macht es aus. Wer viel in der Fremdsprache redet, der kommt auch besser damit zurecht. Das ist das wichtigste am Lernen einer Fremdsprache.

    • Hallo Alexander,
      da stimme ich dir vollkommen zu. Viele Lerner denken aber, dass die Lernzeit sich rein auf die Zeit am Schreibtisch beschränkt. Dabei gibt es jeden Tag Tausende von Möglichkeiten, eine Fremdsprache zu üben! Und das Beste dabei ist: Die meisten Aktivitäten fühlen sich überhaupt nicht nach Lernen an!
      Viele Grüße
      Christine

  3. Hat dies auf sprachenblogrussischundso rebloggt und kommentierte:
    Wieviele Vokabeln muss man lernen. Die Frage stellt sich wohl jeder der eine Sprache lernt. Hier ein interessanter Artikel dazu.

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