Vokabeln lernen aus Texten – Teil 2

 

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Hier kommt der zweite Teil des Artikels „Vokabeln lernen aus Texten“.

Im ersten Teil ging es allgemein darum, welche Vokabeln du eigentlich lernen solltest (nicht alle – Perfektionismus ade!!!) und wie diese Entscheidung getroffen werden kann. Heute geht es also um die verschiedenen Möglichkeiten, mit den ausgewählten Vokabeln an sich umzugehen und weiterzuarbeiten. Nur herausschreiben reicht nämlich nicht.

Hierbei müssen wir zwei Personengruppen unterscheiden:

1) Schüler haben leider keine Wahl: Der Lektionswortschatz ist Pflichtlernstoff und muss gelernt werden. Aber zumindest kannst du, falls du Schüler bist, eine Technik anwenden, die dir liegt und dich voranbringt. Du kannst genau wie die „freiwilligen Lerner“ die vier untenstehenden Möglichkeiten ausprobieren, vielleicht ist etwas für dich dabei.

2) Wenn du allerdings deinen Lernstoff selbst festlegen kannst, probiere einmal Folgendes aus:
Schreibe dir beim Lesen Wörter auf ein Blatt Papier, aber schlage sie noch nicht nach. Nach der Lektüre entscheidest du, welche Wörter wirklich zum Verständnis deines Textes notwendig waren/sind, schlägst diese im Wörterbuch nach und vervollständigst deine Liste. Im Idealfall stehen auf dieser Liste jetzt etwa 20 bis 30 Vokabeln. Mit dieser Liste kannst du jetzt arbeiten. Dazu gibt es einige Möglichkeiten – such dir die aus, die dir am besten gefällt. Oder besser noch: Probiere alle aus und entscheide dann!

a) Möglichkeit 1: Schaue dir die Liste einmal durch und lege sie weg. Nach etwa ein bis zwei Wochen nimmst du die Liste wieder zur Hand – Du wirst erstaunt sein, wie viele Wörter du noch weißt! Natürlich bedeutet das nicht, dass du ab sofort keine Vokabeln mehr lernen sollst (das ist der Haken daran!), aber es ist ab und zu eine nette Alternative. Statistiken zeigen, dass du etwa 30 – 40 % der Liste behalten hast, die restlichen Wörter kommen auf eine neue Liste, zusammen mit etwa 15 – 20 neuen Vokabeln. Einmal durchlesen – weg damit für ein bis zwei Wochen. Diese Technik ist gut als Ergänzung geeignet, wenn es zeitlich einmal sehr knapp sein sollte. Leider klappt diese Technik alleine angewendet nicht besonders gut …
Wenn du mit Evernote arbeitest, kannst du dir die Liste auch bei Evernote abspeichern, einen Termin setzen und die entsprechenden Wörter bei den jeweiligen Terminen löschen oder auf eine neue Liste übertragen. So behältst du recht leicht den Überblick.

b) Möglichkeit 2: Du nimmst sofort die Liste her und überträgst die wichtigen Vokabeln in deinen Vokabeltrainer (Karteikarten, Vokabelheft, Computer-Trainer wie Babbel, Pons, Teachmaster, Phase-6, Lingostudy, …). So bestückst du deinen persönlichen Lernwortschatz immer wieder mit neuen Wörtern und kommst schnell vorwärts – vorausgesetzt, du arbeitest auch die Vokabeln im Vokabeltrainer regelmäßig, am besten jeden Tag, ab. Beachte dabei aber: Wenn du die Vokabeln in den Vokabeltrainer eingibst, dann ist es damit ja nicht getan. Sie müssen ja regelmäßig wiederholt werden, daher empfehle ich, die Eingabe neuer Vokabeln deinem Zeitbudget anzupassen. Logisch ist, dass du nicht auf Dauer täglich 100 neue Vokabeln lernen und wiederholen kannst, denn sie erscheinen ja immer und immer wieder. Lieber nur 10 oder an manchen Tagen überhaupt keine, dafür aber eine überschaubare Menge an zu wiederholenden Wörtern. Wenn die abzuarbeitenden Vokabeln nämlich überhand nehmen („Sie haben heute 794 Vokabeln zu wiederholen“), dann verlierst du schnell die Lust, und nicht jeder hat die Konsequenz und die Disziplin, jeden Tag ein bisschen mehr als üblich zu tun, um wieder auf ein überschaubares Maß zu kommen. Also: Lass es gar nicht so weit kommen! Das Wiederholen der „alten“ Vokabeln hat immer Vorrang, und dann erst werden neue Vokabeln eingegeben, je nach Zeitbudget nur 2 oder auch 50. So kommt man auch vorwärts, im Idealfall ohne sich zu überlasten (und ohne sich zu unterfordern). Den Zeitbedarf einschätzen zu können braucht ein bisschen Zeit – in der Regel ist es aber so, dass das Wiederholen umso schneller geht, je öfter man es macht (weil man nicht so viele Vokabeln vergessen hat).

c) Möglichkeit 3: Du nimmst wieder sofort die Liste her und machst etwas mit den Vokabeln. Beispielsweise hast du dir ein italienisches Verb aufgeschrieben: scegliere (=auswählen). Dieses Verb ist unregelmäßig, also macht es vielleicht Sinn, die Formen zu bilden: (scelgo, scegli, sceglie, scegliamo, scegliete, scelgono; p.p scelto). Oder du hast ein Adjektiv im Französischen aufgeschrieben: ouvert (= geöffnet). Jetzt kannst du überlegen, womit du dieses Adjektiv verknüpfen kannst: à bras ouverts = mit offenen Armen, l’esprit ouvert = heller Kopf, ouvert toute l’année = ganzjährig geöffnet …
Du kannst auch Beispielsätze bilden.
So wendest du die Vokabeln gleich an und dockst damit leichter an bereits vorhandenes Vorwissen an.

d) Möglichkeit 4: Du kannst auch aus deinen herausgeschriebenen Vokabeln und dem Text einen Lückentext basteln. Dazu gibst du den Text in ein Textverarbeitungsprogramm ein, löschst die herausgeschriebenen Wörter und ersetzt die Wörter durch einen langen Unterstrich. Ein Satz würde dann so aussehen: Alessandro ha deciso di ____________ la facoltà di ____________ delle comunicazioni perché è l’_________ che gli permetterà di _________la specializzazione in ________________. (Dieser Satz ist aus einer Mail meiner E-Mail-Freundin aus Rom)
Die herausgelöschten Wörter sind: frequentare, unica, prendere, giornalismo, Scienza
Und dann versuchst du, die Wörter wieder einzusetzen, natürlich nicht sofort danach, sondern vielleicht nach einer Pause von einem oder zwei Tagen. Dabei lernst du nicht nur Vokabeln, sondern schulst auch deinen Blick für den Satzbau und die Wortarten. Auch Grammatik spielt eine Rolle, beispielsweise beim obigen Satz: Vor einer Lücke steht l‘ – das ist im Italienischen ein Zeichen dafür, dass das nächste Wort mit einem Vokal beginnt – also muss es schon allein deswegen das Wort „unica“ sein.

Ich hoffe, bei diesen Vorschlägen war schon ein bisschen etwas dabei!
Ich wünsche viel Spaß beim Ausprobieren und freue mich auf Rückmeldungen unter der Comment-Funktion oder unter chkonstantinidis@aol.com

Beachte dabei, dass die Kommentare unter der Comment-Funktion öffentlich sind, die Mails an mich dagegen nicht.

Und selbstverständlich sind auch Themenvorschläge sehr willkommen!

Herzliche Grüße
Christine

2 Kommentare

  1. Michael Nienhaus

    26/08/2014 at 07:21

    Hallo Christine,

    danke für diesen interessanten Beitrag, besonders Möglichkeit 4.) finde ich sehr interessant und ist neu für mich. Gut, mit dem Thema Fremdsprachen lernen habe ich mich in den letzten Jahren kaum beschäftigt. Ich nutze halt die Englische Sprache und lese regelmäßig Bücher und höre Hörbücher auf Englisch.

    Mir ist vor einigen Jahren aufgefallen, dass ich es z.B. in einem Spanienurlaub immer bereue, dass ich kein Spanisch gelernt habe und mich mit den Einheimischen nur auf Englisch austauschen kann. Nach dem Urlaub denke ich dann :“ Jetzt lerne ich Spanisch und kaufe mir erstmal einen passenden Kurs“. Im laufe des Jahres verebbt dann wieder die Motivation, da die Ursprungsmotivation aus dem Sommerurlaub nicht mehr da ist. Vielleicht hat du ein paar Tipps oder einen separaten Artikel dazu, wie man die Motivation aufrecht erhalten kann, so dass man im nächsten Urlaub nicht wieder bereut keine Spanisch sprechen zu können.

    Viele Grüße Michael

    • Hallo Michael,

      danke für das Kompliment! Zur Motivation gibt es sicherlich in der nächsten Zeit noch einen gesonderten Artikel. Spontane Tipps habe ich auch:

      1) Schaffe dir eine Routine – dann fehlt dir irgendwann etwas, wenn du nicht lernst.
      2) Pinne dir Motivationssprüche an die Wand!
      3) Suche dir E-Mail-Freunde oder auch ganz allgemein Leute, die die Sprache sprechen. Diese findest du über unterschiedliche Wege: Onlineportale wie http://www.italki.com oder http://www.busuu.com , Tandemserver der Uni Bochum , Facebookgruppen , evtl. über die örtliche Hochschule usw.
      4) Beschäftige dich in der Fremdsprache mit deinem Hobby – ich lese zum Beispiel gerne italienische oder französische Reisezeitschriften oder auch Zeitschriften zum Laufen. Auch Reiseführer sind gut geeignet – Lonely Planet bietet speziell in spanischer Sprache eine große Auswahl. Oder abonniere für dich interessante Facebook-Seiten, dann hast du täglich mit der Sprache zu tun.
      5) Lies z.B. die ECOS aus dem Spotlight-Verlag (oder/und höre die CD und den Podcast)
      6) Belohne dich selbst – vielleicht mit einem Besuch in der Tapasbar, wenn du bestimmte Lernziele erreicht hast?

      Also, der Artikel kommt sicherlich im Laufe des kommenden Monats – bis dahin erst einmal viel Spaß beim Sprachenlernen!
      Herzliche Grüße
      Christine

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