Die fünf Stufen des Lernens – Teil 2

Die fünf Stufen des Lernens Teil 2

Nachdem ich letzte Woche die ersten drei Stufen des Lernens vorgestellt habe, kommen heute noch die Stufen 4 und 5.

Die ersten drei Stufen waren:

1) Wahrnehmung des Lernstoffes

Hier ging es darum, überhaupt Kontakt mit der Sprache zu bekommen, beispielsweise durch einen gesprochenen Dialog in einem Restaurant, den du vielleicht sogar nur zufällig mit anhörst.

2) Erkennen des Lernstoffes

Diese Phase betraf die Einordnung nach Wichtigkeit und nach Interesse: Ist das Thema interessant für dich? Ist in unserem konkreten Beispiel der Dialog nützlich, weil du im Urlaub oft ins Restaurant gehst und es von Vorteil wäre, bestimmte Strukturen, Redewendungen und vielleicht Bräuche und Gepflogenheiten zu kennen? Du siehst auch, dass Sprachenlernen nicht nur die Sprache an sich betrifft, sondern auch Kultur und Lebensart beinhaltet.

3) Abspeichern der neuen Inhalte

In diesem Schritt ging es darum, „etwas aus dem Thema zu machen“. An dieser Stelle erfolgt die tatsächliche Verknüpfung mit vorhandener Information und Abspeicherung in „Ordnern“ im Gehirn – ähnlich wie bei einem Computer. Je besser du die Informationen abgelegt hast, desto leichter findest du die Inhalte wieder. Im Beispiel Restaurantbesuch wären das grundsätzliche Informationen über den Bestellvorgang („Ach, das kenne ich ja schon, also muss ich nur noch Vokabeln lernen!“ oder „Ach, die Menüfolge ist ja ganz anders als bei uns!“).

… und heute kommen eben die letzten beiden Stufen:

4) Wiederholung der gelernten Inhalte

Eigentlich könntest du ja jetzt meinen, dass du fertig wärst. Allerdings ist der Mensch kein Computer und vergisst auch wieder, und das sogar ziemlich schnell, wenn keine Wiederholungen erfolgen. Daher musst du, wenn du Lerninhalte auf Dauer abspeichern und behalten willst, Wiederholungen einplanen. In unserem Falle heißt das: Sprache anwenden, Sprache anwenden, Sprache anwenden. Es kommt in diesem Stadium übrigens überhaupt nicht darauf an, ob du Fehler machst oder nicht, sondern nur darauf, dass du überhaupt sprichst bzw. die Sprache verwendest. In unserem Beispiel des Restaurantdialoges gibt es dazu verschiedene Möglichkeiten, denn Wiederholungen müssen keineswegs langweilig sein, sondern sollten abwechslungsreich gestaltet werden – denn: je lieber du etwas tust, desto öfter wirst du es tun.

Natürlich musst du in regelmäßigen Abständen wiederholen, die im Laufe der Zeit immer länger werden dürfen – du merkst selbst, wie groß die Abstände sein dürfen. Im Idealfall steht eine Wiederholung immer kurz vor dem Vergessen an. Ich empfehle eine erste kurze Wiederholung nach einigen Minuten, dann nach einer Stunde, nach einem Tag, nach drei bis vier Tagen, einer Woche, einem Monat, einem halben Jahr. Wenn der Lernstoff innerhalb dieser Zeitspannen „verlorengeht“, dann fängt der zeitliche Abstand natürlich wieder von vorne an. Und: Es hört sich schlimmer an als es tatsächlich ist. Eine Wiederholung besteht auch darin, einfach kurz 30 Sekunden lang die Vokabeln zum Text durchzulesen oder kurz eine Speisekarte durchzuschauen. Auch eine gedankliche Wiederholung funktioniert gut.

Abwechslung bekommst du, wenn du in unserem konkreten Fall des Restaurantdialoges:

– den Dialog laut liest

– den Dialog abschreibst

– den Dialog als Lückentext bearbeitest (entweder zufällig ausgewählte Wörter, Wörter eines Sachgebietes oder eine bestimmte Wortart)

– dir Vokabeln zum Thema „Restaurant“ zusammensuchst

– zwei oder drei (oder auch nur ein) Grammatikthemen herauspickst und kurz einige Beispielsätze dazu machst, z.B. das Konditional (ich möchte …) oder die Mehrzahlbildung

– ein Kreuzworträtsel zum Thema löst

– die Seiten zum Thema Restaurant in einem Bild- oder Themenwörterbuch anschaust

– im Internet Speisekarten entsprechender Restaurants heraussuchst

– den Dialog in Streifen schneidest und sortierst

– einen ähnlichen Dialog selbst formulierst (also andere Gerichte und Getränke bestellst)

– dir einen Partner suchst und den Dialog zusammen mit ihm nachspielst

– ins Restaurant gehst und alles „live“ ausprobierst

– dir einen Partner suchst und dich mit ihm beim Essen und über das Essen unterhältst.

Du siehst, es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, die hocheffektiv sind und überhaupt nichts mehr mit dem klassischen Lernen zu tun haben. Also: Übung macht den Meister.

5) Anwendung im „Ernstfall“

Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit. Wenn du vor allem bei Schritt 4  die Lerninhalte auf vielfältige Art eingeübt hast, solltest du bei der Anwendung keine Probleme mehr haben.

Die Kür: Gehe ins Restaurant, gib eine sprachlich großartige Bestellung ab und sei stolz auf dich!

Viel Spaß dabei wünscht dir

Christine Konstantinidis

2 Kommentare

  1. Günter Hagen

    11/08/2014 at 19:08

    Liebe Christine, vielen Dank für die 5 Stufen. Sie waren lesenswert doch leider stimmt die Aussage:“Es hört sich schlimmer an als es tatsächlich ist.“ nicht, umgekehrt, es ist schlimmer als es sich anhört, zumindest für mich vecchio asino, und da kann leider auch eine Top- Lehrkraft, wie Sie es ja sind, nichts daran ändern, denn lernen und behalten muß ich es.
    Ci vediamo
    Günter

    • Hallo Günter, ich bin trotzdem der Meinung, dass es sich schlimmer anhört als es tatsächlich ist. Servieren Sie sich doch selbst nur kleine Häppchen in der Sprache, auch das bringt schon viel. Und Sie dürfen nicht vergessen: Sie lernen die Sprache, weil Sie sie lernen wollen und nicht aus Zwang! Also gestalten Sie sich dann Ihr Lernen doch so angenehm wie möglich. Und wenn Sie mal etwas nicht wissen oder nicht behalten, dann ist das auch nicht schlimm, finde ich. Und danke für das Kompliment!
      Herzliche Grüße Christine

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